Der "Neue Realismus": Humbug oder Geniestreich?




Der "Neue Realismus" ist derzeit in aller Munde. Das Interessante an ihm ist die Verknüpfung des klassischen Vokabulars der wahrheitsorientierten Philosophie (also der Begriffe "Tatsache", "Gegenstand(sbereich)", Erkennbares "an sich", "Ontologie" u. a.) mit pluralistischen Anleihen (Viele-Welten-Hypothese) und sogar non-dualistischen Versatzstücken (Markus Gabriel nannte seine Position etwa jüngst einen "ontologischen Deskriptivismus"). Auch der "Neue Realismus" stellt den Versuch dar, den 'alten' Realismus und den Konstruktivismus zu überwinden - er will also eine 'Dritte Philosophie' sein, ganz wie der Non-Dualismus. Somit liegen derzeit zumindest zwei Denkströmungen vor, die keinen philosophischen Stein auf dem anderen lassen wollen...

Der "Neue Realismus": Humbug oder Geniestreich?

Beitragvon sw23 » 19. September 2013, 08:50

Im September 2013 habe ich den folgenden Kommentar ursprünglich in meinem Blog http://plagiatsgutachten.de/blog.php veröffentlicht. Nach der Lektüre weiterer Schriften Markus Gabriels und verwandter "Neuer Realisten" bin ich mir bezüglich meines Ersturteils nicht mehr so sicher. Vielleicht werden wir hier doch gerade Zeuge eines neuen genialischen Entwurfs (nicht: 'Welt'entwurfs). Über Diskussionsbeiträge würde ich mich freuen.

Der "Neue Realismus" Markus Gabriels: Wie Vulgärphilosophie die Universität unterwandert

Ihr werter Plagiatsgutachter erlaubt sich, sein(en) Blog wieder einmal für sein zweites Steckenpferd neben Textplagiarismus, nämlich die Philosophie, schamlos zu 'missbrauchen': Mit Hochspannung habe ich, selbst seit geraumer Zeit an konstruktivistischen und relativistischen Denkmodellen zweifelnd, Markus Gabriels "Warum es die Welt nicht gibt" (Ullstein 2013) ausgepackt und es mir einverleibt. Markus Gabriel hat in der Tat eine ungemein erfrischende Art zu schreiben, und sein Buch provoziert selbst Ihren hier inhaltlich ansonsten eher zurückhaltenden Plagiatsgutachter zu einer spontanen Rezension.

Der Grund ist aber leider mein Ärger über zahlreiche eklatante Widersprüche in diesem Buch, das ja eine neue Philosophie, die des "Neuen Realismus", begründen möchte. Ich frage mich, warum das bislang offenbar niemandem aufgefallen ist und das Feuilleton nahezu einstimmig die Brillanz des "Wunderkinds" (Neue Zürcher Zeitung), des neuen 'Shooting Stars der Philosophie', von 'Deutschlands jüngstem Philosophieprofessor' usw. lobt. Ich frage mich weiter, inwiefern sich solche fundamentalen Widersprüche und philosophischen Unzulänglichkeiten mit der Position eines an der Universität Lehrenden und Prüfenden vertragen.

Markus Gabriels Grundthese ist, dass es die Welt nicht gibt, aber alles andere (S. 9, S. 18 ff. u. a.). Wenn ich Objekte als etwas definiere, das es in der Welt gibt (Gabriel spricht hier vom "Erscheinen" in "Sinnfeldern"...), dann folgt daraus, dass die Welt selbst nicht auch ein Objekt sein kann, weil es ansonsten die Welt in der Welt geben würde. Nebenbei bemerkt, findet sich ein ähnlicher Weltbegriff wesentlich differenzierter bei Niklas Luhmann, aber das ist nicht der Punkt. - Gleichzeitig spricht Gabriel nämlich davon, dass der "Neue Realismus" "eine neue Einstellung zur Welt mit sich bringt" (S. 14). Ich frage mich, wie man eine neue Einstellung zu etwas haben kann, das es nicht gibt. Wenn ich sage, dass es Gott nicht gibt, dann habe ich doch keine Einstellung zu Gott formuliert, sondern präziser zur Gottesfrage bzw. zur Frage nach der Existenz von Gott. "Meine Einstellung zur Welt ist, dass es sie nicht gibt" ist ein paradoxer Satz, der einer ernsthaften philosophischen Prüfung nicht standhalten kann. Eine Einstellung kann ich nur zu etwas haben, das ich als existierend voraussetze. Ich kann dann etwa sagen: "Meine Einstellung zur Welt ist, dass sie objektiv erkennbar ist, während Herr Gabriel glaubt, dass es sie gar nicht gibt."

"Die Welt ist weder ausschließlich die Welt ohne Zuschauer noch ausschließlich die Welt der Zuschauer. Dies ist der Neue Realismus." (S. 15)

Wenn es die Welt nicht gibt, wie kann ich dann jemals von den Eigenschaften der Welt sprechen? Ist Nichtexistenz eine Eigenschaft? Können nichtexistente Dinge weitere Eigenschaften haben? Und wenn Gabriel vielleicht nur die eine absolute Welt (als Totalität) ablehnt, aber viele verschiedene 'man-made'-Welten anerkennt, dann ist er genau jener Relativist oder Konstruktivist à la Goodman oder Maturana, der er vor allem nicht sein möchte. Dafür spricht der Satz: "Es gibt also viele kleine Welten, aber nicht die eine Welt, zu der sie alle gehören." (S. 19) Hierin ist sich Gabriel aber nicht sicher: Am Beispiel des Vesuvs erklärt er uns, der "Neue Realismus" vertrete die bahnbrechende These, dass es den Vesuv gebe und den Vesuv, wie man ihn von einer Seite aus oder von der anderen Seite aus sehen kann. Alles das, der Vesuv und wie ihn Menschen von verschiedenen Seiten aus betrachten, seien Ereignisse in der Welt. Nur wenige Seiten später beschreibt er die Situation eines Abendessens, mitsamt einer unbeobachteten (aber gleichwohl vom Autor Gabriel beobachteten) Spinne im Restaurant und will nun zeigen, dass es hier lauter kleine Welten gebe, sogar die der Spinne und die der unsichtbaren Bakterien. Was im Vesuv-Beispiel noch da war, nämlich der Vesuv, ist im Abendessen-Beispiel nur wenige Seiten später verschwunden, nämlich das Abendessen.

Ich bin mir nun nicht mehr sicher. Lese ich hier Philosophiesatire? Meint der Mann das ernst? Wenn Letzteres, dann muss nachdrücklich vor einer sich konstituierenden akademischen "Neuen Deutschen Vulgärphilosophie" gewarnt werden.

PS: Dank an Josef Mitterer für den Hinweis auf den "Neuen Realismus".
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von Anzeige » 19. September 2013, 08:50

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Re: Der "Neue Realismus": Humbug oder Geniestreich?

Beitragvon sw23 » 21. September 2013, 13:31

sw23
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