WAS WISSEN PHILOSOPHEN? Objekt- oder Metasprache?




In diesem Forum sollen die zentralen Ideen der Philosophie Josef Mitterers, der "Nicht-dualisierenden Redeweise", kritisch diskutiert werden. Themen werden unter anderem sein: Mitterers neue Notation der Ausführungszeichen (/.../) zusätzlich zu den Anführungszeichen ("..."), seine Unterscheidung von Beschreibung so far und Beschreibung from now on, seine Konzepte der Objektangabe und der Rudimentärbeschreibung, seine Kritik an "'p' ist wahr, wenn p", sein Abschied von der Wahrheit, sein neuer Empiriebegriff (Weitergehen auf eine neue These anstelle des Scheiterns am Objekt), seine Kritik des Konstruktivismus (insbesondere Maturana und Roth), seine Kritik des Relativismus (insbesondere Whorf, Winch, Quine, Kuhn, später Wittgenstein) u. a.

WAS WISSEN PHILOSOPHEN? Objekt- oder Metasprache?

Beitragvon sw23 » 5. April 2012, 19:18

Ich habe ein Experiment durchgeführt. Das Ergebnis ist m. E. ein grundlegendes. Die Unterscheidung von Objektsprache und Metasprache, gepriesen als "logische Großtat" zur Vermeidung von Antinomien, greift in der Analyse einer zentralen Behauptung nicht. (Ich bin kein Hobbyphilosoph, sondern habilitiert. Aber was heißt das schon, wenn die Grundlagen der traditionellen Wissenschaftsauffassung derartige Lücken aufweisen...)

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WIE SICHER SIND SICH PHILOSOPHEN MIT DER UNTERSCHEIDUNG VON OBJEKT- UND METASPRACHE? Ergebnis eines kleinen Experiments

Meine folgende Mailanfrage ging im März 2012 an 29 vorwiegend deutschsprachige Sprachphilosophen. Ich wollte wissen, ob der Satz „Die Welt gab es schon, bevor jemals ‚Es gibt die Welt‘ gesagt wurde“ der Objektsprache oder der Metasprache angehört.

Das Ergebnis:
Neun ordneten den Satz der Objektsprache zu.
Vier ordneten den Satz der Metasprache zu.
Vier verzichteten auf eine Einordnung unter Objektsprache oder Metasprache.
Zwölf haben nie geantwortet. Alle Antwortenden waren sehr freundlich.

Fünf von den neun Vertretern der Einordnung unter Objektsprache relativierten ihre Ansichten auf meine Nachfrage und schrieben dann entweder, dass sie sich geirrt hätten, der Satz also doch zur Metasprache gehöre oder aber, dass die Unterscheidung in diesem Fall gar nicht sinnvoll angewendet werden kann.

Auch weil es sich bei den Antwortenden fast ausnahmslos um prominente Philosophen und zum überwiegenden Teil um Autoren von sprachphilosophischer und logischer Grundlagenliteratur handelt, habe ich die Namen durchgehend mit XX anonymisiert.

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EINE MAIL AN ALLE:

Hallo XX,

ich bitte Sie um Beantwortung einer fachlichen Anfrage.

Die Welt gab es schon, bevor jemals „Es gibt die Welt“ gesagt wurde.

Ist dieser Satz Teil der Objektsprache oder der Metasprache?

Viele Grüße

Ihr

PD Dr. Stefan Weber

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OBJEKTSPRACHE
1


Sehr geehrter Herr Weber,

in meinen Augen handelt es sich eindeutig um einen Satz der Objektsprache.
Herzliche Grüße

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OBJEKTSPRACHE
2


Hallo Herr PD Dr. Weber,

ich würde erst einmal sagen, dass das ein objektsprachlicher Satz ist.
Mit freundlichen Grüßen,

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OBJEKTSPRACHE
3


Lieber Herr Weber,

das ist ein objektsprachlicher Satz mit einem metasprachlichen Zitat. Im zweiten Satzteil wird über Sprachliches berichtet. Das ist die semantische Hauptfunktion von Anführungszeichen.
Im ersten Satzteil werden Wörter gebraucht, im zweiten erwähnt.

Mit freundlichen Grüßen

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OBJEKTSPRACHE
4


Sehr geehrter Herr Weber,

scheint mir der Objektsprache anzugehören (es wird über die Welt gesprochen). Der ausgezeichnete Zeitpunkt wird allerdings mithilfe eines metasprachlichen Ausdrucks formuliert.

Mit freundlichen Grüssen,

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OBJEKTSPRACHE
5


ja klar, Objektsprache, alles andere ist reiner Unsinn;

nur: die Frage nach der Wahrheit einer Aussage setzt die Aussage voraus.

Ihr

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OBJEKTSPRACHE
6


Sehr geehrter Herr Weber

Weil man ja auch sagen könnte:

„Die Welt gab es schon, bevor etwas gesagt wurde.“

ist der Satz in meinen Augen ein objektsprachlicher. Auf den Inhalt des Sagens kommt es ja nicht an. Es wird nicht über einen bestimmten Ausdruck geredet. Wenn „Ich sitze auf dem Stuhl“ objektsprachlich ist und „“Stuhl“ hat fünf Buchstaben“ metasprachlich, dann wird in Ihrem Hauptsatz über die Welt gesprochen, in dem Nebensatz über das Sprechen über die Welt.

Ich hoffe, dass Ihnen damit weitergeholfen ist.

Mit freundlichen Grüssen

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OBJEKTSPRACHE
7


Sehr geehrter Herr Weber,
das ist doch wohl ein ausgedachtes Problem. – Wenn man dem überhaupt einen Sinn geben will, könnte man doch sagen, der Satz, dass es die Welt gibt, sei die Feststellung einer (empirischen) Tatsache, und dass jemand sagt, es gebe eine Welt, sei eine andere Tatsache. Es ist wohl wahr, dass die Welt schon gewesen sein muss, wenn jemand, der in der Welt ist, sagt, dass er in der Welt sei. Es könnte logischerweise doch sein, dass es die Welt gibt, aber noch niemals gesagt wurde, dass es sie gibt.
Freundliche Grüße

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OBJEKTSPRACHE
8


Schnelle Antwort:
"Es gibt die Welt" ist einfach die Anführung direkter Rede, wie: Hans hat gesagt: "Meine Oma ist krank". Solche zitierte direkte Rede rechnet man normalerweise nicht zur Metasprache, sondern zur "wiederholten Rede".
Metasprachlich wäre der Satz: "‘Es gibt die Welt‘ besteht aus vier Wörtern". Hier wird etwas über die Sprache des Satzes gesagt.

Gruß

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OBJEKTSPRACHE
9


i think the question has no simple answer. :) but if you insisted that i make a decision i would say it is object language.
I say it is object language because this sentence is an object or complement in a subordinate clause.
I am standing by my solution. it is object language.

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METASPRACHE
1


Lieber Herr Weber,
es sind ja im Ganzen drei Sätze:
- Die Welt gab es schon (einst).
- Es wurde (jemals) gesagt.
- Es gibt die Welt.
Der Haken dabei ist, dass zwei Sätze temporal miteinander verschränkt sind: „Die Welt gab es schon, bevor …“ Oder: Die Welt hatte es schon gegeben, bevor jemand etwas sagte. Dann ist der Innensatz (Metaebene) die Antwort auf die Frage: Was hatte jemand gesagt? Folgerung: Objektsprache: Es gab die Welt, bevor jemand x sagte. Metasprache: Es gibt die Welt. Dabei soll man sich nicht irreleiten lassen von der Inhaltsähnlichkeit der Sätze: „Es gab die Welt“ und „Es gibt die Welt“. Das ist m. E. bei der Beurteilung von Objekt- und Metaebene irrelevant.
Mit freundlichen Grüßen

(Auf meine Nachfrage, ja was denn nun…)

Sie können generell davon ausgehen, dass wörtliche Rede immer Metasprache ist.
Mit freundlichen Grüßen

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METASPRACHE
2


Lieber Herr Weber,

entschuldigen Sie bitte die Verzögerung, ich bin gerade erst von zwei Konferenzen zurückgekommen.

> Die Welt gab es schon, bevor jemals „Es gibt die Welt“ gesagt wurde.
>
> Ist dieser Satz Teil der Objektsprache oder der Metasprache?

Auf der metasprachlichen Ebene, aufgrund der Bezugnahme auf den Satz "Es gibt die Welt" – die reine Verwendung von "Es gab die Welt" für sich alleine genommen wäre objektsprachlich, aber das Erwähnen dieses Satzes bringt einen auf die Metaebene. (Die Objektsprache ist übrigens normalerweise ein echter Teil der Metasprache.)

Wenn Sie noch weitere Frage haben, schreiben Sie mir doch bitte einfach.

Schöne Grüße,

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METASPRACHE
2 (Fortsetzung)


Lieber Herr Weber,

> Ich habe tatsächlich noch – erwartungsgemäß – eine Folgefrage: Folgt
> daraus, dass der Satz zur Metasprache gehört, erkenntnistheoretisch
> irgend etwas?
> Etwa im Sinne von: Die der Sprache prioritäre Welt 'gibt' es erst,
> insofern bzw. seitdem wir sprechen?

nein, gar nicht: Metasprachlich zu sprechen, heißt einfach nur, über Sprache zu sprechen. Man sollte sich halt darüber klar sein, wann man über die, sagen, wir, physikalische Welt spricht und wann über Sprache selbst, aber für viele wissenschaftliche Disziplinen ist es ganz normal, über Sprache zu reden (z.B. die Linguistik oder die Logik).

> Ich teile Ihre Auffassung, dass der Satz der Metasprache angehört.
> Allerdings habe ich nicht nur bei Ihnen, sondern auch bei 28 anderen
> Philosophen nachgefragt (rein aus Interesse und Neugierde, kein
> Zusammenhang mit einer Publikation o. Ä.). Neun ordneten den Satz auf
> Anhieb der Objektsprache zu, nur vier der Metasprache.
> Interessanterweise haben auf Nachhaken meinerseits fast alle der neun
> Vertreter der objektsprachlichen Sicht Ihre Ansicht revidiert und dann
> behauptet, der Satz gehöre streng genommen doch zur Metasprache oder
> die Unterscheidung von Objekt- und Metasprache sei auf den Satz gar
> nicht anwendbar, da keine formale Sprache vorliege.

Es stimmt, dass die Unterscheidung bei formalen Sprachen viel klarer ist, aber es gibt kein grundsätzliches Problem, den Ausdruck "metasprachlich"
über formale Sprachen hinaus auf Sätze und Fragmente der natürlichen Sprache anzuwenden. Dort würde ich ihn dann einfach als synonym zu "auf natursprachliche Sätze Bezug nehmend" verstehen.

Was die natürliche Sprache aus philosophischer Sicht schwierig – aber auch interessant – macht, ist, dass die natürliche Sprache als Ganzes als ihre eigene Metasprache angesehen werden kann; dass bei der natürlichen Sprache
Objekt- und Metasprache zusammenfällt. Aus eben diesem Grunde lässt sich die Eigenschaft der Wahrheit von natursprachlichen Sätzen nicht wieder in der natürlichen Sprache selbst definieren. (Dies folgt aus Arbeiten Alfred Tarskis aus den 1930er Jahren.) Dies ist aber ein semantisches, kein erkenntnistheoretisches Problem.

> Wie immer, ist man nachher mehr verwirrt als vorher ;-), aber
> vielleicht können Sie mir mit der Beantwortung der oben gestellten
> Frage doch noch ein wenig weiterhelfen.
>
> Beste Grüße und Danke für Ihre Antwort!

Jederzeit!

Schöne Grüße

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METASPRACHE
3


Lieber Herr Weber,

vielen Dank für Ihre fachliche Frage. Die Objektsprache ist die Sprache, die Objekt ist. Die Metasprache ist die Sprache, mit der man über die Objektsprache spricht. In dem Beispiel von Ihnen gehört der Satz "Es gibt die Welt" zur Objektsprache (und auch zur Metasprache, da diese ja darüber spricht, also den Satz auch enthalten
muss) und der Satz "Die Welt gab es schon, bevor jemals "Es gibt die Welt" gesagt hat" gehört zur Metasprache.

Mit freundlichen Grüssen

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METASPRACHE
4


Lieber Herr Weber,

zunächst hätte ich gesagt, der Satz ist korrektes Deutsch, und in der Umgangssprache sind Objekt- und Metasprache nicht klar geschieden. Die Anführungsstriche sind ja einfach Teil des Deutschen. Aber man kann auch sagen, dass man mit der Verwendung von Anführungen schon über Sprachliches spricht und damit automatisch die Objekt-/Metasprachen-Unterscheidung macht. Und dann gehört Ihr Satz natürlich zur Metasprache und der darin angeführte Satz zur Objektsprache (auch wenn der gleiche Satz im Imperfekt im Hauptsatz Ihres Satzes vorkommt).

Die Hauptsache an Ihrem Beispielsatz ist aber, dass er wahr ist, und dass jeder, der meint, ihn irgendwie bestreiten müssen, offenbar schlechte philosophische Gründe dafür haben muss. Der Sinn, in dem wir die Welt und ihre Gegenstände irgendwie schaffen, konstruieren, konstituieren, muss noch gefunden werden.

Freundliche Grüße

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WEDER-NOCH
1


Dear Stefan:

No taxonomy is faultless; all categories have fuzzy boundaries; all systems leak; some tokens fit in two categories at once. The question, then, is probably not: Is this 'x' or 'y'? but What can we say about the world if we call this 'x' or 'y'?

Best wishes

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WEDER-NOCH
2


Weder noch.
Das weder-noch erklärt sich so, dass eine Aussage dazu, ob ein sprachlicher Ausdruck zur Objekt- oder Metasprache gehört, nur anhand einer formalen Beschreibung einer Sprache getroffen werden kann. Objektsprache ist die Sprache, die z.B. eine formale semantische Analyse in ihren Eigenschaften beschreibt; während Metasprache die Sprache der Theorie ist. Da kein solcher theoretischer Rahmen für ihr Beispiel geliefert wurde, kann diesbezüglich keine Aussage getroffen werden.

LG

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WEDER-NOCH
2 (Fortsetzung)

Hallo Herr Weber,

wie ich schon sagte, hat diese Unterscheidung eigentlich nur in einer formal aufgebauten Semantik ihren Platz. Und natürlich darf dann die Objektsprache keine Zeichen der Metasprache enthalten, weil es sonst zu Zirkularitäten oder Anomalien kommt. Der bekannteste Fall ist der von "ist wahr", dessen Besprechung sich ausführlich z.B. bei Alfred Tarski findet. Über ihr Beispiel kann deshalb nichts gesagt werden, weil es sich um Umgangssprache handelt, und eben nicht um eine semantische Beschreibung eines Ausschnittes einer Sprache. Das Beispiel enthält überhaupt keine Metasprache/Theorie; und in diesem Sinne auch keine Objektsprache, die von einer Theorie beschrieben wird.



Am 11.03.2012 11:31, schrieb Stefan Weber:
Hallo Herr XX,

bitte entschuldigen Sie, dass ich nochmals nachhake: Ich bin von der Regel ausgegangen (und deshalb auch meine Frage), dass die Objektsprache keine Zeichen der Metasprache enthalten darf, das habe ich in ähnlicher Terminologie bei Tarski oder Russell gelesen.

Wenn ich nun etwa den Satz in einen Kontext wie den folgenden einbette:

Die Welt ist viel älter als die menschliche Sprache. Die Welt gab es schon, bevor jemals ein Mensch „Es gibt die Welt“ gesagt hat.

Kann DANN eine klare Aussage getroffen werden?

LG
sw

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WEDER-NOCH
3


Hallo Dr. Weber,
in Ihrem fettgedruckten Satz wird in deutscher Sprache sowohl über einen außersprachlichen als auch einen sprachlichen Gegenstand gesprochen. Der sprachliche Gegenstand – der Satz "Es gibt die Welt" – ist durch Anführungsstriche als solcher gekennzeichnet. Auf die Rede von Objekt- und Metasprache würde ich hier verzichten.
Natürlich könnte man hinsichtlich Ihres fettgedruckten Satzes sagen:
Objektsprache ist die deutsche Sprache, Metasprache ist ebenfalls die deutsche Sprache zuzüglich der Verwendung von Anführungsstrichen für die Kennzeichnung sprachlicher Gegenstände. Aber zur Lösung welches Problems sollte damit ein Beitrag geleistet werden? Etwa eine Entscheidung in der Realismus/Idealismus-Kontroverse?
Lieber Herr Weber, ich würde mich freuen, wenn Sie mir etwas über den Hintergrund Ihrer Anfrage mitteilen würden.

Mit freundlichen Grüßen

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WEDER-NOCH
4


Dieser Satz zeigt nur, wie hilflos diese künstliche (und für gewisse Zwecke nützliche) Unterscheidung angesichts der Komplexität wirklicher Sprache ist. Äußerungen gehören nicht kontexfrei (zu) künstlichen Sprachsystemen. Sie können, je nach Bedarf und Absicht des Sprechers oder Hörers, objektsprachlich und/oder metaprachlich gesagt, verstanden, umgedeutet werden.

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ABSCHWÄCHUNGEN DER „OBJEKTSPRACHLER“
1


Lieber Herr Weber,

meine erste Antwort war irreführend.

Die Metasprache M einer Objektsprache O muss reicher sein als diese Objektsprache O. Alle in O formulierbaren Sätze müssen auch in M wiedergegeben werden können und zudem muss M noch Bezeichnungen für alle sprachlichen Ausdrücke von O enthalten sowie auf O bezügliche semantische Prädikate, wie "wahr", die in O nicht vorkommen dürfen, um Antinomien zu vermeiden. Man kann also innerhalb der Metasprache zwei Teile unterscheiden: den nichtsemantischen und den semantischen Teil. Zum ersten Teil gehören alle Begriffe und Sätze von O, was nötig ist, um die Möglichkeit der Übersetzung aller Sätze von O in die Metasprache L zu gewährleisten. Zum zweiten Teil gehören alle Sätze von L, in denen Ausdrücke von O angeführt oder beschrieben werden und die Sätze, in denen diesen Ausdrücken von O Prädikate zugeschrien werden.

Ihr Beispielsatz ist demnach ein metasprachlicher Satz, dessen erster Teil lediglich vom nichtsemantischen Vokabular von L Gebrauch macht.

Mit besten Grüßen

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ABSCHWÄCHUNGEN DER „OBJEKTSPRACHLER“
2


Lieber Herr Weber,

Die Trennung (nicht Unterscheidung) von Sprachstufen bzw. Sprachen funktioniert nur in Kunstsprachen sauber. In der normalen Sprache sind Sätze wie Ihr Beispiel offensichtlich nicht ganz eindeutig zuordbar. Wenn man sich entscheiden müsste, dann gehört der Satz aufgrund seines Themas der Objektstufe an.

Beste Grüsse

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ABSCHWÄCHUNGEN DER „OBJEKTSPRACHLER“
2 (Fortsetzung)


Lieber Herr Weber,

man muss zwischen formalen Sprachen und natürlichen Sprachen unterscheiden.

1. Bei formalen Sprachen haben Sie zwei verschiedene, definitorisch eingeführte Zeichensätze, für die Objektebene und für die Metaebene. Schon aufgrund der in einem Satz verwendeten Zeichen können Sie dann entscheiden, ob der Satz der Objekt- oder der Metasprache angehört (also rein syntaktisch). Meines Wissens, contra Sukale, dürfen Sätze der Metasprache auch Zeichen der Objektsprache verwenden (bin aber kein Spezialist hierfür). Mir scheint sogar, sie müssen es: wie sonst könnte ich in der Metasprache über die Objektsprache reden? Z.B. der metasprachliche Satz: "P ist ein einstelliges Prädikat": da kommt "P" aus der Objektsprache notwendigerweise drin vor.

2. Natürliche Sprache. Hier kann man nicht Objekt- und Metasprache unterscheiden, denn es ist nun mal nur eine Sprache. Wohl aber kann ich Sprachstufen unterscheiden, je nachdem, wovon gesprochen wird: von Objekten oder von Elementen der Sprache (also ein semantischer Unterschied). Darum meine kostenpflichtige Anfangsdiagnose ihres Beispielssatzes: gehört der Objektsprache an: es wird nicht über Sprache, sondern über ein Objekt gesprochen.

Was vielfach, auch in anderen Zusammenhängen, in der üblichen Logik nicht gemacht wird und was m.E. bisweilen (aber nicht immer) ein schwerer Fehler ist: es wird nicht zwischen natürlicher Sprache und formalen Sprachen unterschieden. Hier scheint mir der Unterschied zentral.

Beste Grüsse

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ABSCHWÄCHUNGEN DER „OBJEKTSPRACHLER“
3


Lieber Herr Weber,
vielleicht bin ich gar nicht der Richtige, Ihre Frage zu beantworten. Ich habe Ihnen nur mein Verständnis von "Metasprache" kommuniziert, so wie ich den Ausdruck gelernt und im Laufe meines Lebens gebraucht habe, eben als Sprechen über Sprachliches: in "Der Wolf ist ein wildes Tier" wird der Wolf als Objekt in der Welt, in "Der Wolf ist ein Substantiv" wird der Wolf als Wort besprochen: Metasprache.

Es kann natürlich sein, dass es andernorts üblich ist, alles, was zwischen Anführungszeichen steht als metasprachlich zu bezeichnen, was ja in der Tat nicht ganz sinnlos ist: es ist ja ein Sprechen über Sprechen.
Nach meiner Auffassung von Metasprache muss aber dieses Sprechen über Sprechen dann dieses Sprechen auch ALS SPRACHE thematisieren. Das ist in Ihrem Beispielsatz nicht der Fall.

Beste Grüße


> Sehr geehrter XX,
>
> ich hoffe, ich werde Ihnen nicht lästig, aber: Ich bin von der Regel
> ausgegangen, dass die Objektsprache keine Zeichen der Metasprache
> enthalten darf, das habe ich zumindest bei Tarski und Russell (in
> ähnlicher
> Terminologie) so gelesen. Und egal, wo ich nachlese, finde ich die
> Regel, dass mit Anführungszeichen, wenn sie nicht bloß der
> Hervorhebung eines Begriffs dienen, Metasprache einhergeht. Woher
> "stammt" die Regel, dass ein Zitat wie in meinem Beispielsatz NICHT
> zur Metasprache gehört?
>
> Ihr nun noch mehr verwirrter
>
> Stefan Weber

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ABSCHWÄCHUNGEN DER „OBJEKTSPRACHLER“
4


Sehr geehrter Herr Weber

Meines Erachtens hängt bei diesen Fragen sehr viel davon ab, inwiefern man Unterscheidungen, die für den Umgang mit formalen Sprachen getroffen wurden, auf die Umgangssprache überträgt. Die ganze Unterscheidung zwischen Objekt- und Metasprache hängt bei Russell ja an der Typentheorie und dem Versuch der Vermeidung mengentheoretischer Paradoxien in der logischen Grundlegung der Arithmetik und bei Tarski am Versuch einer Definition eines Wahrheitsbegriffs für formale Sprachen. Davidson hat dann Tarski auch auf die Umgangssprachen angewendet. Das halte ich für einen Fehler. (Ebenso wie ich die Übertragung von Gödels Reaktion auf das Hilbert-Programm auf alle möglichen nicht formalen Sprachen für einen Fehler halte.) Ich glaube, kurz gesagt, gar nicht, dass Widerspruchsfreiheit und die Differenz zwischen Objekt- und Metasprache für Umgangssprachen besonders relevant ist. Umgangssprachen sind eben keine Theorien, im Unterschied zu formalen Sprachen. „Die Welt gab es schon, bevor von ihr gesprochen wurde“ ist m.E. eine umgangssprachliche Aussage, die beispielsweise Geologen und Evolutionsbiologen als wahr voraussetzen, ohne dass sie Teil ihrer Theorien wäre. Sie verwenden einfach Zeitdimensionen, die die Wahrheit dieser Aussage implizieren: Wenn Geologen die Welt, wie sie vor 150 Millionen Jahren war, erforschen, es vor 150 Millionen Jahren aber noch keine Menschen gab, dann erforschen sie Zustände der Welt, die ihrem eigenen Verständnis nach vor der Zeit lagen, als etwas über die Welt gesagt wurde. Ich glaube, die Unterscheidung zwischen Objekt- und Metasprache hilft nicht, um die alltagssprachliche Voraussetzung der Zeit- und Weltbegriffe, die dieser wissenschaftlichen Forschung zugrunde liegen, in Zweifel zu ziehen.
Aber vielleicht schreibe ich damit an Ihrer Frage völlig vorbei.

Mit freundlichen Grüssen

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ABSCHWÄCHUNGEN DER „OBJEKTSPRACHLER“
5


Sehr geehrter Herr PD Dr. Weber,

ich würde den Satz so verstehen, dass er bestimmte Ereignisse und den Bestand der Welt in Verbindung bringt. Es handelt sich in diesem Fall um Sprech- bzw. Aussageereignisse, die mit "Es gibt die Welt" spezifiziert werden. Die Verbindung, von der ich spreche, wird objektsprachlich konstatiert. Sicher kann man den Satz auch als metasprachlich interpretieren (es ist ja letztlich immer eine Frage der Interpretation). Das scheint mir aber erst einmal nicht so überzeugend.
Mit besten Grüßen
sw23
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von Anzeige » 5. April 2012, 19:18

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Re: WAS WISSEN PHILOSOPHEN? Objekt- oder Metasprache?

Beitragvon Samuel Blaser » 5. April 2012, 19:55

Tja, ziemliches Chaos unter den 'Experten', Hallo Herr Weber. :)

Habe aber 'das Gefühl', dass die lustigen 'Briefbomben', die Sie versendet haben, gar nicht als solche wahrgenommen wurden und deswegen auch nichts passiert ist... (Die Bedeutung von gelesenen/gehörten Worten ist die Reaktion darauf...) :)

Es könnte daran liegen, dass Fachbegriffe wie Objekt- und Metasprache entsprechende Fachfrauen und -männer quasi automatisch so ausrichten, dass sie aus lauter Pflichtgefühl dem Dualismus der Termini treu bleiben oder sie als 'in dem Fall unwichtig' hinstellen, wenn das Denken dazu unbequem wird, weil die Fachwerkzeuge nicht mehr so recht greifen. Nicht selten wird man Opfer der eigenen Logik(en), was natürlich aber auch im Falle Mitterer möglich ist. Schnell schränkt man sich 'freiwillig' ein, obschon man gar nicht müsste, und je 'professioneller', 'akademischer' oder 'sozialrelevant' bzgl. des eigenen Outputs man eingestellt ist, desto rascher.
Die 'Frage' ist in dem Punkt interessant: denn je stärker man sich mit ihr als scheinbar(!) uninterpretierten Primärtext identifiziert und sie als 'moralisch verbindliche' persönliche Sprachform erachtet, desto geistig unbeweglicher wird man, weil man sich an 'textimmanenten Inhalten' und sozialen Gewohnheiten hält.

Mir scheint, es ist keiner der Antworten gelungen, aufgrund Ihrer Anfrage, diese Fachbegriffe bzgl. ihren Voraussetzungen vollständig zu hinterfragen und Ihre Mail 'philosophisch frei' lesen zu können. Natürlich war die Formulierung in Ihrer Mail wohl extra in dieser Hinsicht nicht besonders 'hilfreich' ausgefallen. ;)

Die Frage hinter der Frage haben Sie ja meisterhaft versteckt und damit auch die Beschränkung der Sprachphilosophie gewissermassen empirisch aufgezeigt, gemessen an der Vielschichtigkeit, dem Ironiepotenzial und der Bedeutungsvarietät unformalisierter Sprache.

Nur eine Antwort hatte wirklich was gewittert, dort wo die Idealismus-Relismus-Debatte in den Sinn kam.

Freundliche Grüsse

Samuel Blaser
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