Nondualismus und Wertabspaltungskritik




In diesem Forum sollen die zentralen Ideen der Philosophie Josef Mitterers, der "Nicht-dualisierenden Redeweise", kritisch diskutiert werden. Themen werden unter anderem sein: Mitterers neue Notation der Ausführungszeichen (/.../) zusätzlich zu den Anführungszeichen ("..."), seine Unterscheidung von Beschreibung so far und Beschreibung from now on, seine Konzepte der Objektangabe und der Rudimentärbeschreibung, seine Kritik an "'p' ist wahr, wenn p", sein Abschied von der Wahrheit, sein neuer Empiriebegriff (Weitergehen auf eine neue These anstelle des Scheiterns am Objekt), seine Kritik des Konstruktivismus (insbesondere Maturana und Roth), seine Kritik des Relativismus (insbesondere Whorf, Winch, Quine, Kuhn, später Wittgenstein) u. a.

Nondualismus und Wertabspaltungskritik

Beitragvon Doktor Faustus » 21. April 2013, 17:06

Dieser Beitrag fragt nach der Kompatibilität von nondualistischer bzw. agnoseologischer Philosophie und Wertabspaltungstheorie bzw. -kritik. Die Gemeinsamkeit von Nondualismus und Wertabspaltungskritik besteht in ihrer radikal kritischen Haltung gegenüber dem ganzen Spektrum moderner Theoriebildung in ihrer immanenten Polarität von Subjektivismus (Konstruktivismus) und Objektivismus (Realismus). Damit stehen Wertabspaltungskritik und nondualistische Redeweise für eine authentische "Postmoderne" bzw. einen authentischen "Postmarxismus". Ziel beider Ansätze ist nicht eine dialektisch-hegelianische Synthese der modern-bürgerlichen Extrempositionen auf einer Metaebene sondern eine sozusagen infrasprachliche (Latour) oder negativ-dialektische (Adorno) Subversion, die Genesis und Geltung (real-)abstrakter Dichotomien hinterfragt ohne vollends auf sie verzichten zu können. Zum Zweck des Vergleichs ziehe ich die beiden in der Zeitschrift "Exit. Krise und Kritik der Warengesellschaft Nr.10", Horlemann Verlag, Berlin 2012 erschienen Aufsätze "Ein Apostelbrief zwischen Szientismus und Historismus. Zur kritischen Aufarbeitung der 'Marxismus-Mystizismus'-Debatte zwischen Ingo Elbe und den 'marxistischen Theologen" von Elmar Flatschart sowie "Das Elend der Aufklärung. Antisemitismus/Antizionismus, Rassismus und Antiziganismus bei Immanuel Kant" von Daniel Späth heran. Die Agnoseologie will die nondualisitische Argumentationsweise als neue Denkoption neben der herrschenden dualisitischen Argumentationsweise einführen. Dazu muss sie den Schein der Notwendigkeit dualisitischer Denkmuster zerstören. Die Wertabspaltungstheorie will Kritik als eigenständige Denkform neben der Denkform "Theorie" - dem bürgerlichen ideologisch-wissenschaftlichen Komplex etablieren. In praktischer Hinsicht soll die Hierarchie von „logischem“ (wertförmigem) Produktions-System und „unlogischer“ (abgespaltener) Lebenswelt umgestülpt werden, so wie es Marx für die Überwindung des Kapitalismus fordert. Kritische Theorie in diesem Sinn ist laut Daniel Späth "weder vernünftig noch unvernünftig". Nach Elmar Flatschart will das marxsche Projekt wissenschaftlich argumentieren "aber die Form dieser Argumentation bereits in ihr selbst kritisieren, nämlich hinsichtlich ihrer historischen Relativität und Determination (...) Das marxsche Projekt sperrt sich offensichtlich seiner einfachen Darstellung, weil es sich beständig selbst relativiert und historisch kontextualisiert" (Flatschart 2012, S.66). Die marxsche Kritik der politischen Ökonomie zeichne sich dadurch aus "dass sie historisches und szientifisches Moment - gewissermassen in einer beständigen Oszillationsbewegung - vermittelt" (ebenda, S.68). Damit ist eine Parallele gegeben zu George Spencer Browns "imaginärem Zustand" und dem prozessualen Wahrheitsbegriff von Josef Mitterer. Die Entscheidung zwischen dualistischem (wahrheitsorientiertem) Diskurs und nondualistischem (wandlungsorientiertem) Diskurs kann nur ad hoc geschehen, ganz im Gegensatz zum kantschen Apriorismus, den Daniel Späth wie folgt kennzeichnet: "Kant entwirft den Erkenntnisprozess des 'Transzendentalsubjekts' indem er die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit des menschlichen Erkenntnisapparates stellt. Der letzte Grund menschlicher Erkenntnis bestehe hierbei laut Kant aus zwei Einheiten, nämlich dem Verstand und der Sinnlichkeit, wobei Erkenntnis nunmehr allein durch die Verbindung dieser beiden Entitäten produziert werden. Als Gewährleistung dieses Grundes und seiner Vorrangigkeit (Apriorität) gegenüber dem prozesshaften Moment jeglicher Erkenntnis dient Kant hierbei die Trennung von Form und Materie. Aussschliesslich die Reflexion auf die Form des Urteils validiert dessen erkenntnistheoretische Wahrheit. Nicht dass die Materie des Urteils belanglos sie, so Kant, für eine Erkenntnistheorie ist sie vielmehr gleichfalls konstitutiv, allerdings, ihr komme eine subjektexterne Qualität zu, weshalb sie bloss von nachrangigem Charakter sein könne (Aposteriorität). Deshalb postuliert Kant als Fazit seiner epistemologischen Analyse: Erkenntnis werde durch die formale Verbindungstätigkeit der Vernunft (bzw. des Verstandes) produziert, wenn diese auf die subjektiven Formen der Sinnlichkeit (Raum und Zeit) bezogen werden. In dieser Verbindungsleistung einer disjunktiven Einheit, in der zwei voneinander separierte, rein formale Vermögen - Verstand und reine Sinnlichkeit - ein Identitäsverhältnis eingehen, liegt nach Kant der Ursprung des menschlichen Erkenntnisvermögens" (Späth 2012, S.209f). In der ersten "Kritik" Kants, der "Kritik der reinen Vernunft", stellt sich, so Späth "der Zusammenhang von Transzendentalität und Zirkulationssubjektivität über die Form der Erkenntnis her, wobei ihr Pathos der Autonomie nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass es sich hier von Anfang an um eine formierte handelt" (ebenda, S.209). „Eske Bockelmann hat in seinem Buch ‚Im Takt des Geldes‘ die Struktur dieser modernen Denkform herausgearbeitet und sie die „funktionale Abstraktion“ genannt. Er kommt darin zum Schluss, dass die ‚Synthesis am Geld‘ (das heisst die Abstraktionsleistung, die wir alltäglich an der Ware vollziehen, indem wir sie auf ihren Wert beziehen) gemäss einer Abstraktion geschieht, die dabei eine solche Kraft auf das menschliche Bewusstsein und die menschlichen Kognitionen ausübt, dass sie selbst unsere Taktwahrnehmung konstituiert“ (Späth 2011, S.55). „Das Neue im Denken der Neuzeit, ich nenne es die funktionale Abstraktion. Sie beruht auf der Synthesis am Geld, geht aus ihr hervor, oder – so wäre es am genauesten zu sagen – sie ist mit ihr identisch. Das reine Ausschliessungsverhältnis, in dem Geld- und Warenwert gegeneinander zu denken sind, ergibt diese neue Art der Abstraktion – oder besteht in ihr. Ihre Kennzeichen sind die Reinheit des Negationsverhältnisses, des blossen 0/1; die damit identische Nicht-Inhaltlichkeit beider in dieses Verhältnis gesetzten Seiten; und damit auch deren Form eines für sich bestehenden reinen Beziehens, reiner Einheit und des rein Bezogenen, rein bezogener Einheiten, beide strikt getrennt und ausgeschlossen voneinander, aber beide zugleich strikt aufeinander angewiesen, jeweils als solche nur bestimmt in der Verbindung mit der anderen“ (Eske Bockelmann. Im Takt des Geldes. Zur Genese modernen Denkens. Zu Klampen 2004, S.319; zitiert nach Späth, ebenda, S.55). Den (unbewussten) Konstruktionscharakter des Versuches der Erkenntnistheoretiker, Materie bzw. Gegenständlichkeit als subjektexterne Qualität auszuweisen, um sogenannt "wahre" Urteile über die "Aussenwelt" aufzustellen, transparent zu machen ist ein Anliegen, das die Wertkritik mit dem Nondualismus teilt. Josef Mitterer schreibt bezüglich des Subjekt-Objekt-Verhältnisses, dass in der "Erkenntnistheorie" - und alle moderne Philosophie ist Erkenntnistheorie - immer nur das "wie" dieses Verhältnisses, die Gewichtung der beiden Glieder der Dichotomie, nicht jedoch das schlichte Vorhandensein dieses Verhältnisses selbst auf dem Prüfstand steht. FORTSETZUNG FOLGT
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von Anzeige » 21. April 2013, 17:06

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Re: Nondualismus und Wertabspaltungskritik

Beitragvon sw23 » 22. April 2013, 14:22

Lieber Doktor Faustus,

ist das der Anfang einer wissenschaftlichen Arbeit oder Qualifikationsschrift? Ich freue mich, wenn Sie diese - gerne auch nur in Auszügen - hier einstellen wollen. An der gesamten Arbeit wäre ich interessiert: weber@plagiatsgutachten.de

Zum Inhaltlichen später.

LG
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Re: Nondualismus und Wertabspaltungskritik

Beitragvon Ditena » 6. April 2015, 18:48

Gute Analyse. Ein sehr bereichernder Lesestoff.


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